Qualität und Quantität
Der Begriff Quantität ist wohl am einfachsten zu erklären.
Er beschreibt lediglich den Ausstoß, die Menge und Anzahl erzeugter Güter,
Waren und Dienstleistungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Das war es
auch schon.
Qualität ist für viele Marktteilnehmer das in
Qualitätshandbüchern niedergeschriebene und für jeden Marktteilnehmer
zugängliche Wissen. Als die Welt noch zweigeteilt war, Planwirtschaft im Osten,
Marktwirtschaft im Westen, war Qualität nicht nur ein leerer Begriff. Qualität
hatte seinen Preis, dies war allen klar. Die Kommunisten kauften den
Kapitalisten hochentwickelte Maschinen ab, um in geringem Masse ihre Produktion
zu rationalisieren. Sie waren dabei von den Qualitäten der angebotenen Waren in
Bezug auf Leistung, Haltbarkeit und Genauigkeit überzeugt, genau wie alle
Kunden auf der Welt. Die Handbücher spielten dabei eine untergeordnete Rolle.
Gefühle, entstanden aus Erfahrungen und dem Wissen der Unterlegenheit, ließen
Qualitätsprodukte schon im Kopf entstehen. Qualität hatte noch seinen Preis.
Qualität wurde von allen ernst genommen und war ein tatsächlicher
Wettbewerbsvorteil. Durch die bessere Verteilung des Geldes, im westlichen
Wirtschaftsraum bis 1989, war die dortige Bevölkerung auch in der Lage und
willens, für Qualitäten entsprechende Preise zu bezahlen. Der Ostblock war
nicht in der Lage, Maschinen und Anlagen im großen Stil zu kaufen, geschweige
zu kopieren. Er kauft nach. Und war begeistert, dieses Gefühl, welches auch
heute noch für Nachkäufe und positive Mundpropaganda sorgt und vermutlich mehr
bewirken würde, als die bloße Konzentration auf bunte, leere Werbespots.
Seit der Wende sind die Qualitätshandbücher Jahr für Jahr um
etliche Seiten angewachsen. QMB`s bereichern die Betriebe. Diese
Qualitätsbeauftragten, denen man die Umsetzung des Qualitätsmanagements auf
allen Ebenen anvertraut. Ihre Zahl dürfte mit den Jahren auch um einiges
gestiegen sein. Jeder Betrieb, der etwas auf sich hält, wirbt mit seinen
erfolgreich verteidigten Qualitätszertifikaten.
Was in der Bevölkerung proportional zur der Dicke der
Handbücher und der Anzahl der QMB`s sank, war zum einen die verfügbare
Geldmenge in der Breite der Bevölkerung und das Gefühl für Qualität.
Nicht unbedeutender ist der Umstand, dass der Mensch ein
Gewohnheitstier ist. Eine einmal erstellte Checkliste wird als ausreichend
empfunden. Man glaubt ihr und verlässt sich auf ihre Vollständigkeit. Der
Mensch konzentriert sich auf die von ihm entwickelten oder von anderen
vorgesetzten Aussagen. Der Blick fokussiert sich auf das Bekannte. Wichtige
aber unbeschriebene Details werden übersehen, nicht verstanden und als
unbedeutend eingestuft.
Die Märkte haben sich grundlegend verändert. Die Welt ist
nun geeint. Alle Länder hängen am Tropf der Marktwirtschaft. Die einen nennen
ihr System soziale Marktwirtschaft, die anderen lassen das Soziale weg. Gefühle
spielen heute keine so bedeutende Rolle wie vor dem Umbruchsjahr 1989. Qualität
ist schwierig zu halten gegenüber den Zwängen, die sich aus der Notwendigkeit
von Profiten und marktgerechten Preisen ergeben. Alle Teilnehmer der Märkte
sind ständig auf der Suche nach Einsparpotentialen. Neue Produkte und
Dienstleistungen verlieren in der heutigen Zeit weitaus schneller ihr
wichtigstes Merkmal, ihre Einmaligkeit. Diese Einmaligkeit, die eine hohe
Qualität zu entsprechenden Preisen sichern könnte. Patente sollten diese
Produkte sichern. Doch in einer immer mehr vernetzten Welt, in der sich das Wissen
immer schneller verbreitet und Informationen immer mehr Menschen gleichzeitig
zur Verfügung stehen, sich die Wissenschaften aller Länder immer mehr annähern
und die Anforderungen an Produkte und Dienstleistungen sich immer mehr ähneln,
nimmt die Wirksamkeit des Patentrechts immer mehr ab. Geschützt durch
staatliche Institutionen oder das Risiko von Strafandrohungen bewusst in Kauf
nehmend, mit dem Wissen, aufgrund der besseren Marktgegebenheiten (niedrige
Löhne, weniger Steuern) erfolgreich im Weltmarkt agieren zu können, werden
Maschinen und Anlagen kopiert und anschließend gehandelt. Erkennbar ist dies,
wenn in veröffentlichten Export- und Importzahlen der einzelnen Länder
plötzlich neue Lieferanten auftauchen, die sich langsam aber sicher, neue
Marktanteile in neuen Geschäftsfeldern und Ländern sichern. Auch dies sind
heute ganz normale Vorgänge, sie bezeugen nur die Veränderbarkeit der Märkte
und Einstellungen der Markteilnehmer. Und selbst, wenn es keine Raubkopien
sind, sondern Eigenentwicklungen, sagt dies nur aus, Qualität können auch die
anderen Marktteilnehmer. Man Vertraut nun auch diesen Newcomern, in Hinsicht
auf den Nutzen der gelieferten Waren und den vorhandenen Qualitätsmerkmalen.
Mehr als jemals zuvor, ist nun der Preis das Zünglein an der Waage und
entscheidet über den Erfolg der Vermarktungsstrategien. Da Qualitätsvergleiche
zu äquivalenten Ergebnissen führen und die Leistungsfähigkeiten der Produkte
vielfach dieselben Kennzahlen aufweisen.
Wenn das Lohn- und Steuergefüge als Einsparpotential
ausgeschöpft sind, was bleibt dann noch? Wenn alle über die gleichen,
hocheffizienten Maschinen verfügen und diese mit maximalem Ausstoß arbeiten, wo
bestehen dann noch Einsparmöglichkeiten?
Wohl nur in der Minderung der Qualität durch weniger
Forschung und Erprobung und Minderung der Verwendung von hochwertigen
Rohstoffen.
Kauft man sich heute Bekleidung renommierter Marken,
springen einem die Knöpfe oft schon im Laden entgegen, Reißverschlüsse sind aus
Plastik anstatt wie früher, aus robustem Metall und halten dementsprechend kurz
und Nähte platzen nach einmaligem tragen. Diese Designer Ware kommt wie auch
die Massenware aus Billiglohnländern. Heute ist schon zu beobachten, dass die
Qualität dieser Waren nachlässt. Wer wenig investiert bekommt auch wenig
geliefert. Ob Designer Kleidung oder Massenware, alles wird in denselben
Ländern, unter denselben Bedingungen produziert und die Qualitäten gleichen
sich immer mehr an.
Die Werbung hilft den Marken noch, sich über die Massenware
zu stellen. Doch wäre der Mensch rational und nicht so emotional eingestellt,
würde sich das Blatt bald wenden. Gleiches Herstellerland, ähnliche Qualität
fordert auch einen ähnlichen Preis. Geld für einen Namen zu bezahlen, gelingt
nur durch das Gefühl für Qualität. Die Werbung erzeugt dies, allerdings in
immer geringerem Maße.
Wenn das Gefühl der Realität weicht, dann ist es Zeit, über
Lösungen nachzudenken. Immer mehr Menschen in den sogenannten entwickelten
Industriestaaten bekommen die Realität zu spüren. Jede Gehaltsforderung, egal
in welchem Bereich der Volkswirtschaft verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit
des Ganzen und fordert entsprechende Gegenmaßnahmen der Unternehmen zur
Stabilisierung ihrer Gewinne und dem Erhalt ihrer Marktposition. Dies gilt
natürlich auch für Forderungen von Mitarbeitern staatlicher Institutionen. Es
geht dem Einzelnen wie auch dem Ganzen nur noch ums Geld. Es ist dieses ewige
Seilziehen, dieser ewige Kampf um mehr und weniger Ausgaben und Einnahmen.
Niemand kämpft mehr um den Erhalt und die Steigerung der Qualität. Kaum jemand
kann die Folgen dieser Entwicklung einschätzen. Zu umfangreich sind die zu
beachtenden Einflussfaktoren.
Wer wenig hat, der gibt auch wenig aus. Die Qualität weicht
dann dem Nutzen für den Einzelnen. Die Autobranche kann wohl ein Lied davon
singen. Doch diese Branche (wie viele andere auch) ist global aufgestellt.
Rückgänge von Verkäufen in den Heimatländern werden mit dem Auslandsgeschäft kompensiert.
Bei der Ergebnisbetrachtung stellt sich niemand die Frage, warum und weshalb
sich Märkte so oder so entwickeln. Entscheidend ist nur, dass sie sich irgendwo
auf der Welt entwickeln.
Menschen spielen heute ihre Hauptrollen als Kostenfaktoren
und Marktteilnehmer. Jeder intensive Marktteilnehmer ist in anderer Hinsicht
auch Kostenfaktor in seinem Arbeitsbereich. Jeder Arbeitslose oder
Billiglohnarbeiter verliert seinen Wert als Marktteilnehmer. Nicht völlig, aber
deren Realitätssinn, aufgrund ihrer finanziellen Situation, beschränkt die
Ausgaben auf das Notwendigste. Kein neues Auto alle fünf Jahre, keine neue
Wohnungseinrichtung, weil die alte sie langweilt, keine teuren Urlaubsreisen.
Nutzen und Preis vor Qualität, so kann man die Entwicklung
der letzten Jahre beschreiben.
Diese Entwicklung kann nicht mehr gestoppt werden. Es ist
das immer gleiche Spiel der Marktkräfte. Alle vorherigen Systeme der
Marktwirtschaft verließen sich auf die Selbstreinigungsfähigkeiten und
Selbststeuerung der Märkte und endeten im Chaos. Es begann immer mit der
Verarmung großer Teile der Bevölkerung, der dadurch einsetzenden Verarmung der
Städte und Kommunen und dem Rückgang der Industrieproduktion. Der letzte Faktor
kann durch die Globalisierung noch etwas hinausgeschoben werden. Aber
irgendwann ist auch dort die Sättigung erreicht.
Qualität benötigt weniger Vorschriften als Zeit und einen
offenen, umsichtigen und immer wachen Blick aller Beteiligten auf die Details.
Nicht die verallgemeinerten Vorschriften und deren Einhaltung entscheiden über
die erreichten Qualitätsstufen, sondern nur das Wissen und der Einsatz aller
Produktionsteilnehmer für Qualität können diese langfristig sichern.
Vom Autokraten zum Gefühlsmenschen zurückzufinden könnte
helfen, Einstellungen zu ändern, Aussichten zu verbessern und so manches Rennen
zu gewinnen. Dies gilt nicht nur in Bezug auf Qualität, sondern betrifft alle
Bereiche des menschlichen Sozialgefüges. Seine Wahrnehmung zu schärfen, über
das Notwendige hinauszudenken und öfter mal innezuhalten, um neuen Gedanken
Raum zu geben, wird notwendig sein, eine
solche Entwicklung zu befördern.
Die Reduktion aller Abläufe auf den Faktor Geld führt
zu einem langsamen aber sicheren Tod des Wirtschaftskreislaufs. So sicher, wie
die Erwärmung des Klimas eines Tages die globale Wetterzirkulation zum Stehen
bringen wird und eine Eiszeit den Zyklus von neuem beginnt. Das Reißen und das
Zerren stehen dem Miteinander entgegen. Ein Schiff, dessen Ballasttanks defekt
sind, wird bei schwerem Seegang kentern. Rotierende Teile, die eine Unwucht
aufweisen, zerstören sich selbst. Planeten mit großer Masse ziehen kleinere
Masseteilchen an und nehmen sie in sich auf. Ausgeglichenheit wäre eine Lösung.
Doch diese lässt sich mit Menschen nur schwer erreichen. Der Egoismus und die
Selbstherrlichkeit sind zu weit verbreitet, im Gegensatz zum nur in den
Ansätzen vorhandenen Wissen um die Resultate aller Handlungen in der Summe.
Alles ist nur Stückwerk, Emotionen versperren den Blick auf wichtige Details und vernebeln den Blick
auf zukünftige Geschehnisse. Der Hang zu Gewohnheiten verhindert Neues.
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