Donnerstag, 2. Mai 2013

Qualität und Quantität


Qualität und Quantität


Der Begriff Quantität ist wohl am einfachsten zu erklären. Er beschreibt lediglich den Ausstoß, die Menge und Anzahl erzeugter Güter, Waren und Dienstleistungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Das war es auch schon.
Qualität ist für viele Marktteilnehmer das in Qualitätshandbüchern niedergeschriebene und für jeden Marktteilnehmer zugängliche Wissen. Als die Welt noch zweigeteilt war, Planwirtschaft im Osten, Marktwirtschaft im Westen, war Qualität nicht nur ein leerer Begriff. Qualität hatte seinen Preis, dies war allen klar. Die Kommunisten kauften den Kapitalisten hochentwickelte Maschinen ab, um in geringem Masse ihre Produktion zu rationalisieren. Sie waren dabei von den Qualitäten der angebotenen Waren in Bezug auf Leistung, Haltbarkeit und Genauigkeit überzeugt, genau wie alle Kunden auf der Welt. Die Handbücher spielten dabei eine untergeordnete Rolle. Gefühle, entstanden aus Erfahrungen und dem Wissen der Unterlegenheit, ließen Qualitätsprodukte schon im Kopf entstehen. Qualität hatte noch seinen Preis. Qualität wurde von allen ernst genommen und war ein tatsächlicher Wettbewerbsvorteil. Durch die bessere Verteilung des Geldes, im westlichen Wirtschaftsraum bis 1989, war die dortige Bevölkerung auch in der Lage und willens, für Qualitäten entsprechende Preise zu bezahlen. Der Ostblock war nicht in der Lage, Maschinen und Anlagen im großen Stil zu kaufen, geschweige zu kopieren. Er kauft nach. Und war begeistert, dieses Gefühl, welches auch heute noch für Nachkäufe und positive Mundpropaganda sorgt und vermutlich mehr bewirken würde, als die bloße Konzentration auf bunte, leere Werbespots.
Seit der Wende sind die Qualitätshandbücher Jahr für Jahr um etliche Seiten angewachsen. QMB`s bereichern die Betriebe. Diese Qualitätsbeauftragten, denen man die Umsetzung des Qualitätsmanagements auf allen Ebenen anvertraut. Ihre Zahl dürfte mit den Jahren auch um einiges gestiegen sein. Jeder Betrieb, der etwas auf sich hält, wirbt mit seinen erfolgreich verteidigten Qualitätszertifikaten.
Was in der Bevölkerung proportional zur der Dicke der Handbücher und der Anzahl der QMB`s sank, war zum einen die verfügbare Geldmenge in der Breite der Bevölkerung und das Gefühl für Qualität.
Nicht unbedeutender ist der Umstand, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Eine einmal erstellte Checkliste wird als ausreichend empfunden. Man glaubt ihr und verlässt sich auf ihre Vollständigkeit. Der Mensch konzentriert sich auf die von ihm entwickelten oder von anderen vorgesetzten Aussagen. Der Blick fokussiert sich auf das Bekannte. Wichtige aber unbeschriebene Details werden übersehen, nicht verstanden und als unbedeutend eingestuft.
Die Märkte haben sich grundlegend verändert. Die Welt ist nun geeint. Alle Länder hängen am Tropf der Marktwirtschaft. Die einen nennen ihr System soziale Marktwirtschaft, die anderen lassen das Soziale weg. Gefühle spielen heute keine so bedeutende Rolle wie vor dem Umbruchsjahr 1989. Qualität ist schwierig zu halten gegenüber den Zwängen, die sich aus der Notwendigkeit von Profiten und marktgerechten Preisen ergeben. Alle Teilnehmer der Märkte sind ständig auf der Suche nach Einsparpotentialen. Neue Produkte und Dienstleistungen verlieren in der heutigen Zeit weitaus schneller ihr wichtigstes Merkmal, ihre Einmaligkeit. Diese Einmaligkeit, die eine hohe Qualität zu entsprechenden Preisen sichern könnte. Patente sollten diese Produkte sichern. Doch in einer immer mehr vernetzten Welt, in der sich das Wissen immer schneller verbreitet und Informationen immer mehr Menschen gleichzeitig zur Verfügung stehen, sich die Wissenschaften aller Länder immer mehr annähern und die Anforderungen an Produkte und Dienstleistungen sich immer mehr ähneln, nimmt die Wirksamkeit des Patentrechts immer mehr ab. Geschützt durch staatliche Institutionen oder das Risiko von Strafandrohungen bewusst in Kauf nehmend, mit dem Wissen, aufgrund der besseren Marktgegebenheiten (niedrige Löhne, weniger Steuern) erfolgreich im Weltmarkt agieren zu können, werden Maschinen und Anlagen kopiert und anschließend gehandelt. Erkennbar ist dies, wenn in veröffentlichten Export- und Importzahlen der einzelnen Länder plötzlich neue Lieferanten auftauchen, die sich langsam aber sicher, neue Marktanteile in neuen Geschäftsfeldern und Ländern sichern. Auch dies sind heute ganz normale Vorgänge, sie bezeugen nur die Veränderbarkeit der Märkte und Einstellungen der Markteilnehmer. Und selbst, wenn es keine Raubkopien sind, sondern Eigenentwicklungen, sagt dies nur aus, Qualität können auch die anderen Marktteilnehmer. Man Vertraut nun auch diesen Newcomern, in Hinsicht auf den Nutzen der gelieferten Waren und den vorhandenen Qualitätsmerkmalen. Mehr als jemals zuvor, ist nun der Preis das Zünglein an der Waage und entscheidet über den Erfolg der Vermarktungsstrategien. Da Qualitätsvergleiche zu äquivalenten Ergebnissen führen und die Leistungsfähigkeiten der Produkte vielfach dieselben Kennzahlen aufweisen.
Wenn das Lohn- und Steuergefüge als Einsparpotential ausgeschöpft sind, was bleibt dann noch? Wenn alle über die gleichen, hocheffizienten Maschinen verfügen und diese mit maximalem Ausstoß arbeiten, wo bestehen dann noch Einsparmöglichkeiten?
Wohl nur in der Minderung der Qualität durch weniger Forschung und Erprobung und Minderung der Verwendung von hochwertigen Rohstoffen.
Kauft man sich heute Bekleidung renommierter Marken, springen einem die Knöpfe oft schon im Laden entgegen, Reißverschlüsse sind aus Plastik anstatt wie früher, aus robustem Metall und halten dementsprechend kurz und Nähte platzen nach einmaligem tragen. Diese Designer Ware kommt wie auch die Massenware aus Billiglohnländern. Heute ist schon zu beobachten, dass die Qualität dieser Waren nachlässt. Wer wenig investiert bekommt auch wenig geliefert. Ob Designer Kleidung oder Massenware, alles wird in denselben Ländern, unter denselben Bedingungen produziert und die Qualitäten gleichen sich immer mehr an.
Die Werbung hilft den Marken noch, sich über die Massenware zu stellen. Doch wäre der Mensch rational und nicht so emotional eingestellt, würde sich das Blatt bald wenden. Gleiches Herstellerland, ähnliche Qualität fordert auch einen ähnlichen Preis. Geld für einen Namen zu bezahlen, gelingt nur durch das Gefühl für Qualität. Die Werbung erzeugt dies, allerdings in immer geringerem Maße.
Wenn das Gefühl der Realität weicht, dann ist es Zeit, über Lösungen nachzudenken. Immer mehr Menschen in den sogenannten entwickelten Industriestaaten bekommen die Realität zu spüren. Jede Gehaltsforderung, egal in welchem Bereich der Volkswirtschaft verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit des Ganzen und fordert entsprechende Gegenmaßnahmen der Unternehmen zur Stabilisierung ihrer Gewinne und dem Erhalt ihrer Marktposition. Dies gilt natürlich auch für Forderungen von Mitarbeitern staatlicher Institutionen. Es geht dem Einzelnen wie auch dem Ganzen nur noch ums Geld. Es ist dieses ewige Seilziehen, dieser ewige Kampf um mehr und weniger Ausgaben und Einnahmen. Niemand kämpft mehr um den Erhalt und die Steigerung der Qualität. Kaum jemand kann die Folgen dieser Entwicklung einschätzen. Zu umfangreich sind die zu beachtenden Einflussfaktoren.
Wer wenig hat, der gibt auch wenig aus. Die Qualität weicht dann dem Nutzen für den Einzelnen. Die Autobranche kann wohl ein Lied davon singen. Doch diese Branche (wie viele andere auch) ist global aufgestellt. Rückgänge von Verkäufen in den Heimatländern werden mit dem Auslandsgeschäft kompensiert. Bei der Ergebnisbetrachtung stellt sich niemand die Frage, warum und weshalb sich Märkte so oder so entwickeln. Entscheidend ist nur, dass sie sich irgendwo auf der Welt entwickeln.
Menschen spielen heute ihre Hauptrollen als Kostenfaktoren und Marktteilnehmer. Jeder intensive Marktteilnehmer ist in anderer Hinsicht auch Kostenfaktor in seinem Arbeitsbereich. Jeder Arbeitslose oder Billiglohnarbeiter verliert seinen Wert als Marktteilnehmer. Nicht völlig, aber deren Realitätssinn, aufgrund ihrer finanziellen Situation, beschränkt die Ausgaben auf das Notwendigste. Kein neues Auto alle fünf Jahre, keine neue Wohnungseinrichtung, weil die alte sie langweilt, keine teuren Urlaubsreisen.
Nutzen und Preis vor Qualität, so kann man die Entwicklung der letzten Jahre beschreiben.
Diese Entwicklung kann nicht mehr gestoppt werden. Es ist das immer gleiche Spiel der Marktkräfte. Alle vorherigen Systeme der Marktwirtschaft verließen sich auf die Selbstreinigungsfähigkeiten und Selbststeuerung der Märkte und endeten im Chaos. Es begann immer mit der Verarmung großer Teile der Bevölkerung, der dadurch einsetzenden Verarmung der Städte und Kommunen und dem Rückgang der Industrieproduktion. Der letzte Faktor kann durch die Globalisierung noch etwas hinausgeschoben werden. Aber irgendwann ist auch dort die Sättigung erreicht.
Qualität benötigt weniger Vorschriften als Zeit und einen offenen, umsichtigen und immer wachen Blick aller Beteiligten auf die Details. Nicht die verallgemeinerten Vorschriften und deren Einhaltung entscheiden über die erreichten Qualitätsstufen, sondern nur das Wissen und der Einsatz aller Produktionsteilnehmer für Qualität können diese langfristig sichern.
Vom Autokraten zum Gefühlsmenschen zurückzufinden könnte helfen, Einstellungen zu ändern, Aussichten zu verbessern und so manches Rennen zu gewinnen. Dies gilt nicht nur in Bezug auf Qualität, sondern betrifft alle Bereiche des menschlichen Sozialgefüges. Seine Wahrnehmung zu schärfen, über das Notwendige hinauszudenken und öfter mal innezuhalten, um neuen Gedanken Raum zu geben,  wird notwendig sein, eine solche Entwicklung zu befördern.
Die Reduktion aller Abläufe auf den Faktor Geld führt zu einem langsamen aber sicheren Tod des Wirtschaftskreislaufs. So sicher, wie die Erwärmung des Klimas eines Tages die globale Wetterzirkulation zum Stehen bringen wird und eine Eiszeit den Zyklus von neuem beginnt. Das Reißen und das Zerren stehen dem Miteinander entgegen. Ein Schiff, dessen Ballasttanks defekt sind, wird bei schwerem Seegang kentern. Rotierende Teile, die eine Unwucht aufweisen, zerstören sich selbst. Planeten mit großer Masse ziehen kleinere Masseteilchen an und nehmen sie in sich auf. Ausgeglichenheit wäre eine Lösung. Doch diese lässt sich mit Menschen nur schwer erreichen. Der Egoismus und die Selbstherrlichkeit sind zu weit verbreitet, im Gegensatz zum nur in den Ansätzen vorhandenen Wissen um die Resultate aller Handlungen in der Summe. Alles ist nur Stückwerk, Emotionen versperren den Blick  auf wichtige Details und vernebeln den Blick auf zukünftige Geschehnisse. Der Hang zu Gewohnheiten verhindert Neues. 

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